Wie ist Focusing entstanden?

Focusing ist ein achtsamkeitsorientierter und erfahrungsorientierter Ansatz, der von dem Psychotherapeuten und Philosophen Dr. Eugene Gendlin (geb. 1926) entwickelt wurde. Der Ausgangspunkt von Gendlins Überlegungen in Bezug auf den Erfolg einer Therapie ging aus der Zusammenarbeit mit Prof. Carl Rogers hervor.
Rogers stellte die Frage nach Kriterien für einen guten Psychotherapeuten in den Mittelpunkt seiner Studien. Gendlin knüpfte als Mitarbeiter Rogers an diesen Ergebnissen an. Er fragte sich jedoch, was dem Klienten dazu verhilft, in sich selbst einen Prozess in Gang zu setzen, der ihn bei seinen psychischen Probleme und Lebensfragen weiterbringt.
Das Anliegen beider Forscher war es Möglichkeiten zu finden, die einem Menschen der sich in einer schwierigen Situation seines Lebens befindet, eine Veränderung ermöglicht.

 

Was ist Focusing?

Der Mensch ist ein komplexes Wesen. Das was in uns vor sich geht, ist häufig gar nicht so einfach in Worte zu packen. Es fehlen die passenden Begriffe oder sie sind nur Annäherungen an das, was „in uns drinnen“ wahrgenommen wird.

Diese schwer definierbare, jedoch unmittelbare innere Erfahrung enthält oft mehr als Worte ausdrücken könnten. Sie beinhaltet alles, was zu dem gehört, was wir umschreiben und annähernd bezeichnen können. Das, was schwer konkretisierbar ist. Das, wovon vielleicht eine Ahnung spürbar ist – ohne genau zu wissen, welche Bedeutung oder welche Ursache dahintersteckt.

 

Wie funktioniert Focusing?

Focusing ist daher so zu beschreiben, dass hier auch das „zwischen-den-Zeilen“ (im Focusing wird dies „implizites Wissen“ genannt) zugänglich gemacht wird. Ohne unbedingt sofort genau zu wissen, wie dieses „zwischen-den-Zeilen“ mit Namen heißt. – Weder für den Klienten noch für den Therapeuten.

Häufig gehen zudem unsere inneren gedanklichen oder gefühlten Prozesse in einer hohen Geschwindigkeit vor sich, was uns einen klaren Durchblick erschwert. Focusing dient dadurch auch einer Entschleunigung dieses inneren Prozesses, um sich des Wesentlichen bewusst zu werden.

In einem Focusingprozess wird ein Zugang zum inneren Erleben ermöglicht. Er bezieht unser „Inneres Wissen“ (Implizites Wissen) mit ein und wird zugänglich und dadurch nutzbar gemacht.
Man kann drei Formen des Umgangs mit unserem innerem Erleben unterscheiden:
1. Inneres Erleben wird gar nicht wahrgenommen. Es entsteht eine Abspaltung unserer Gefühle und körperlichen Empfindungen. Alles was wahrgenommen wird beschränkt sich auf den Verstand, die Rationalität, die Vernunft.
2. Inneres Erleben wird als Chaos wahrgenommen. Es wird empfunden als unkontrollierbare Einheit, die einen unangenehm überrollt.
3. Inneres Erleben wird achtsam wahrgenommen. Das innere Erleben kann als „emanzipierter Teil des menschlichen Organismus“ genutzt werden. Das heißt, dass es wahrgenommen und ernst genommen wird. Dann wird unser inneres Erleben nicht mehr beschränkt auf den rationalen Verstand. Sondern wir erfahren eine Ergänzung durch die Ebene des Gefühls und des Körpers – alldem, was uns als „vollständigen Menschen“ ausmacht.

Mit Focusing kann also ein Prozess in Gang gesetzt werden, der alle „Ebenen“ des Menschen mit einschließt – also Körper, Geist und Seele. Nicht nur mit dem Verstand alleine ist es möglich, neue Ideen zu entwickeln. Wenn all das wahrgenommen und ernst genommen wird, führt dies zu einer inneren Klarheit in Entscheidungsprozessen und Verhaltensweisen, wie sie unserer je individuellen Person, als ganzheitlicher Organismus betrachtet, am ehesten entspricht.